Wahres Unternehmertum
Die beste Unternehmerschule der Welt ist das Meer — und warum Unternehmersein nichts mit Adam Smith und alles mit Demut zu tun hat.
Die beste Unternehmerschule der Welt
Ich bin Segler. Also so richtig. Nicht mit Champagner und geschmacklosem Poloshirt. Sondern quer über den Südatlantik, wochenlang kein Land in Sicht, fünf Meter Kreuzsee und 45 kn Wind voll auf die Schnauze.
„Warum machst du sowas?” fragen die mit den Poloshirts. „Weil es die beste Unternehmerschule der Welt ist”, antworte ich.
Das erzähle ich auch meinen Studis. Aber auch den vielen schwarz-weiß denkenden Managern. Meine Güte. Aber echte Unternehmer*innen verstehen das sofort. Egal, aus welcher Disziplin. Die anderen verstehen es meist auch irgendwann.
Denn da draußen lernt man, Glaubenssätze über Bord zu werfen. Da draußen lernt man im Zeitraffer, wie man mit Krisen und Katastrophen umgeht. Das schafft Klarheit. Und kann an Land helfen, geradeaus zu denken, wenn die Kakophonie aus Populismus und Neoliberalismus dir die Sinne vernebeln will. Klarheit, Fakten und Prinzipien sind es, die dich durch den Sturm bringen.
Da draußen hilft dir dein Adam Smith nicht. Kein Markt wird dir was regeln. Und du kannst auch nicht mehr gegen Naturgesetze an lobbyieren, oder den Sturm leugnen, weil es deinem überholten Geschäftsmodell dient.
Wenn du das Steuer nicht selbst in die Hand nimmst und proaktiv, demütig und achtsam deinen Kurs bestimmst und immer wieder anpasst, bist du verloren.
Da draußen spielen Ideologien, aufgeblähte Theorien oder überholte Narrative keine Rolle. Da draußen spielt noch nicht mal deine Meinung eine Rolle.
Was eine Rolle spielt, ist: Deine Sensibilität für die Ökosysteme, zwischen denen du dich bewegst. Dein Wissen. Deine Bereitschaft, es ständig zu ergänzen oder zu ersetzen. Deine Bereitschaft einzusehen, wenn du falsch lagst. Ein gewisser Agnostizismus hilft.
Was zählt, sind Kameradschaft und Leadership. Es zählt Multidisziplinarität. Es zählen gute Regeln.
Und es zählt Demut.
Demut vor der Erkenntnis, dass du hier nichts beherrschst. Du beherrschst nicht das Meer, nicht den Sturm. Sondern du interagierst mit den Systemen. Du kooperierst mit den Elementen. Du bist nicht der Macker mit dem Durchblick. Sondern ein gestaltendes Element in einer hochkomplexen Umgebung.
Das Meer lehrt dich das, was wir heute unter Agilität verstehen. Es lehrt dich systemische Feedbackprinzipien. Es lehrt dich, wie du dich in dem oft widersprüchlichen Spannungsfeld zwischen Exploration und Exploitation bewegst. Es lehrt dich Respekt. Es lehrt dich Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, Pläne über Bord zu werfen und dabei handlungsfähig zu bleiben.
Es lehrt dich Unternehmertum. In Reinform.
Ich bin Segler. Also so richtig.