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  • Simon Steiner

Lasst uns mal über Schlüsselindustrien sprechen.


Hier in diesem unserem Deutschland wird gern von einer Schlüsselindustrie gesprochen, wenn es um die Automobilindustrie geht. Das liegt u.a. daran, dass sie recht groß ist, lange Zeit innovativ war, Menschen gut bezahlte Jobs gegeben hat. Sie hat Zulieferer-Industrien geschaffen, ganze Regionen mit finanziellem Wohlstand versorgt und – wenn sie anständig war – auch ihren gesellschaftlichen Beitrag geleistet, um mittels Steuern die Daseinsfürsorge, Bildung, Rechtswesen und Infrastruktur zu ermöglichen. Fein.


Gleichzeitig wird es sehr schnell emotional, wenn von dieser Schlüsselindustrie auch ein bisschen was abverlangt wird. Etwa, dass sie wieder innovativer wird, ihre Geschäftsmodelle an den Zustand der Welt anpasst, oder auch, wenn anderen, innovativeren Industrien, Unternehmen oder Produkten die Marktzugänge erleichtert werden sollen. Denn das bedeutet Gefahr für diese Schlüsselindustrie und wer ernsthaft eine innovative Dynamik einfordert, wird schnell als „Ideologe“ diffamiert oder muss sich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, er wolle das Land „deindustrialisieren“ und wieder „in Höhlen leben“. Das sind faszinierende Reaktionen.


Und gleichzeitig frage ich mich: wie ist es andernorts? Werden die vorherrschenden, also finanziell potentesten Industrien auch so mit Samthandschuhen angefasst und unter eine Art Denkmalschutz gestellt, wie wir das hier mit unserer Automobilindustrie tun? Verhält sich z.B. die amerikanische Gesellschaft und bestimmte Parteien etwa gegenüber Amazon als das Shoppingcenter der Welt wie Helikopter-Eltern, die dafür sorgen, dass dem lieben, kleinen Amazönchen bloß nichts passiert?


Im Grunde könnte ja jeder Buchladen, jeder Baumarkt, jedes Computer-Geschäft, jeder Shopify-Shop als eine Minigefahr, eine Mini-Attacke gegenüber Amazon gewertet werden, die man nicht dulden darf. Schließlich hat Amazon ja gut 1,6 Millionen Mitarbeitende und deren Arbeitsplätze dürfen nicht durch das Entstehen neuer Geschäftsmodelle, neuer Ideen, Produkte, neuer Systeme in Gefahr gebracht werden.

Klingt absurd? Ist es auch.


Genau so absurd ist es, unsere Automobilindustrie, die durch krasse Innovationen sowohl aus den USA als auch aus China unter heftigstem Zugzwang steht in ihrem Status-quo unter Denkmalschutz stellen zu wollen, was leider seitens einiger politischer, vermeintlich wirtschaftsnaher Akteure geschieht. Statt hier gemeinschaftlich den Zukunftsmuskel zu trainieren verschieben wir notwendige Transformationen zur Sicherstellung von Zukunftsfähigkeit auf eine ungewisse Zukunft, indem wir missbräuchlich Begriffe wie „Innovation“ oder „Technologieoffenheit“ inflationär gebrauchen.


Mir als Innovationsstragen sträuben sich die Nackenhaare, wofür der Begriff heute politisch alles herhalten muss. Christian Lindner, der nicht müde wird, von Innovationen zu sprechen, ist genau so Innovationsfreund, wie Jens Spahn, der seine CDU als „Klimaschutzpartei“ labelt, Klimaschützer ist. Versteht mich nicht falsch. Ich bin auch politischer Diversifist und überzeugt, dass jede demokratische Partei wichtige Impulse liefert. Nur durch den interpateilichen Diskurs, kann es gelingen eine resiliente politische Kultur zu entwickeln und zu radikale Ausprägungen zu verhindern. Davon bin ich überzeugt.


Aber nur weil man meint über Innovation sprechen zu dürfen, ist man noch lange nicht innovativ. Sowohl Spahn, als auch Lindner sind ausgemachte Innovationsfeinde. Das müssen sie auch sein. Wären sie zukunfts- und innovationsfreundlich ständen Teile ihrer Stammwählerschaft unter Zugzwang und müssten etwas tun, was sie nicht können. Innovativ sein und Zukunftsfitness zeigen. Innovation ist nämlich anstrengend, es ist harte Arbeit. Es ist leichter zu versuchen, den Status-quo zu verteidigen und von politischen Akteuren zu erwarten, die eigenen Geschäftsmodelle gegen Innovationen aus dem Ausland zu schützen oder globale Ereignisse wie Kriege, Klimawandel oder andere Krisen zu bagatellisieren.


Innovation ist immer eine Ohrfeige gegenüber dem Status-quo. Das schmerzt, wenn man vom Status-quo profitiert. Es hilft aber nicht, den Stillstand in einer sich ständig bewegenden Welt zu fordern, nur weil manche Industrien Shareholder-getrieben nicht mehr Schritt halten können. Pech gehabt.


Lasst uns aufhören, ganze Branchen unter Denkmalschutz zu stellen und dabei die globalen Realitäten auszublenden. Lasst uns aufhören, über Innovation zu sprechen, wenn wir in Wirklichkeit Schutz meinen. Lasst uns einfach mal wieder anfangen ehrlich zu sein.


Ehrlichkeit ist der erste Schritt zur Innovation!

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