Simon Steiner
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Essay · Unternehmertum 15. Juni 2025

Wahres Unternehmertum

Was Segeln über Unternehmertum lehrt — und warum Unternehmersein nichts mit Excel und alles mit Unsicherheitstoleranz zu tun hat.

Wahres Unternehmertum

Ich bin Segler. Also so richtig. Nicht mit Champagner und geschmacklosem Poloshirt, sondern mit Ostsee-Wind, einem alten Boot und der Erfahrung, was 5 Meter Kreuzsee und 45 Knoten Wind voll auf die Schnauze bedeuten.

Auf dem Wasser lernt man Dinge, die im Excel-Blatt nicht stehen. Man lernt, dass Plan A regelmäßig fällt, dass Plan B selten gut ist, und dass Plan C im Zweifel der ist, den man unterwegs erfindet. Man lernt, was leistbarer Verlust heißt, weil man ihn ausrechnet, bevor man losfährt — und nicht im Nachhinein, wenn man auf der Sandbank sitzt. Man lernt, dass Crew kein Stellenplan ist, sondern wer mitkommt. Und man lernt, dass Ungewissheit kein Defekt ist, sondern Material.

Das alles übersetzt sich erstaunlich direkt in das, was ich als wahres Unternehmertum verstehe. Nicht das BWL-Lehrbuch-Bild — Marktanalyse, Business Plan, Forecast, Plan-Ist-Vergleich — sondern die ältere, robustere Form: jemand, der etwas versucht, ohne zu wissen, ob es klappt, der bereit ist, eine Erfahrung zu machen, der eine Gefahr in Kauf nimmt, weil das Ziel es wert ist, und der dafür Gefährten mitnimmt.

Das ist auch die Etymologie des Wortes selbst: Unter-nehmen heißt, etwas in die Hand nehmen, sich auf etwas einlassen. Es ist verwandt mit unterwegs sein, mit Gefahr gehen, mit Versuch. In der griechisch-lateinisch-germanischen Wortwurzel *per- steckt das alles drin: Versuch (peîra), Erfahrung (empeiría), Experiment (experīrī), Gefahr (perīculum), Fahrt (fahren), Überfahrt (Fähre), Gefährte, Expertise.

Wer also unternehmen will — im echten Sinn — der startet mit dem, was er hat. Wer er ist, was er weiß, wen er kennt. Er rechnet nicht den erwarteten Ertrag, sondern den leistbaren Verlust. Er sucht keine Zielgruppe, er sucht Gefährten. Er behandelt Überraschungen als Material, nicht als Abweichung. Und er weiß: Zukunft wird gemacht, nicht vorhergesagt.

Das ist Saras Sarasvathys Effectuation in Seemanns­sprache. Es ist die Forschung, die zeigt, was erfolgreiche Seriengründer*innen tatsächlich tun — nicht das, was Lehrbücher behaupten, dass sie tun. Es ist auch genau das Bild, das mir auf dem Wasser begegnet, immer wieder.

Wer das versteht, hört auf, Unternehmertum mit Risiko-Aversion zu verwechseln. Wahres Unternehmertum ist nicht Risikoscheu mit Excel-Tabellen, sondern Unsicherheits­toleranz mit Bordmitteln. Wer das ein paar Mal überlebt hat, lernt, dass es genau diese Toleranz ist, die einen am Ende durch die ganzen Stürme trägt — beruflich wie persönlich.

Und ja: Ich bin Segler. Also so richtig.


(Dieser Text ist eine Zusammenfassung. Der vollständige Essay folgt — wird aus dem Vault migriert.)

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